Dass die Verhältnisse nach der langen Wärmeperiode nicht mehr top sein sollten, war uns bereits während des Planungsprozesses zuhause auf der gemütlichen Couch bekannt. Dass es für die Route aber definitiv Eis braucht, konnten wir dem Führer nicht entnehmen. Somit stiegen wir selbstsicher in die erste Länge ein und wurden sogleich eines Besseren belehrt. Den Eisfall, der bei guten Verhältnissen durchgängig geformt ist, konnten wir nur auf den ersten Metern erklettern, denn im oberen Teil zeugten nur noch etwas Nassschnee und einige nicht abzusichernde Eisfragmente von seiner Existenz. Somit ergab sich bereits nach dem ersten und einzigen Bolt der Seillänge ein heikler Aufrichter über eine trittarme Platte, welcher Hari zumindest mit einem Pecker im vereisten Gras halbwegs absichern konnte. Seillänge Nummer 2 ging an mich. 3 Bohrhaken entlang einer extrem brüchigen Felsrippe ohne Grasmutten zeigten den Weg. Dabei liesse sich bei mehr Eis auch rechts davon im Eis klettern und vermutlich auch mit kurzen Schrauben sichern. Bei uns war das Eis leider nur noch pergamentpapierdick und ich entschied mich für die Dry-Kletterei. Bekam aber beim zweiten Bolt einen üblen Dämpfer serviert. Ein dünner Maillon im Bohrhaken verriet, dass ich nicht die Erste bin, die den Rückzug antritt. Steigeisenkratzer auf der wannenförmigen Platte links, darüber ein Gebrösel, egal wo man hinlangt, es zerfällt alles. Weder eine solide Mutte oder ein Riss in Sicht, noch eine Leiste zum Hooken. Dabei sollte die Seillänge M4 sein?!? No way- selbst im Nachstieg; ich glaube nicht, dass ich dazu fähig gewesen wäre.
Ich entscheide mich nach meinem Kurzausflug in die zweite Länge zu einer, mir deutlich logischeren Linie, weiter aussen herum. Zunächst im Schnee nach rechts auf die Rippe und gerade hoch auf die Rampe, welche mich nach links bis zum zweiten Stand führt. Auf dieser Rampe konnte ich immerhin zweimal eine kurze Eissschraube drehen und noch einen Pecker zur Absicherung schlagen. Nominell sollte nun die Schlüsselleillänge folgen, M4+. Zwei Bolts sind sichtbar, der erste gut zu klippen, aber dann wird's prekär. Hari macht einen Rückzieher und übergibt mir das scharfe Ende. Ich könnte ja zumindest einen Blick darauf werfen und dann entscheiden. Gesagt, getan. Immerhin sah das Gelände diesmal nicht unmöglich aus. Extrem fordernd, so etwas bin ich noch nie zuvor im Vorstieg geklettert, aber es schien mir, theoretisch gesehen, zumindest machbar. Die Verschneidung beherbergte immer mal wieder eine gefrorene Mutte oder ich konnte die Felskante mit der Hand zum Hochstemmen verwenden. Der rechte Fuss meist im Nichts stehend oder auf drei gefrorenen Halmen. Vor dem zweiten Bolt konnte ich einen 0.5er Cam platzieren, der die Nerven schonte. Nach dem zweiten Bolt dann ein wilder Ritt über eine arschglatte Platte. Normalerweise wird diese von Eis überzogen. Mir fiel nichts anderes ein, als mit dem Knie und Oberschenkel möglichst viel Reibung an dieser Platte zu erzeugen, den linken Fuss in der Verschneidung präzise zu setzen und die Eisgeräte Stück für Stück in die gefrorenen Mutten zu dreschen. Als ich etwas besser stand, konnte ich noch meinen Freund und Helfer, den Pecker, schlagen. Nicht wissend, dass dieser die letzte Sicherung für die kommenden 40m sein sollte. Denn ich fand den Stand der dritten Seillänge nicht.
Erst weiter oben, in einer Felsrinne, erspähte ich einen Bolt mit Seilstück. Ich erkor diesen als mein Ziel aus und hoffte inbrünstig, dass Hari im Nachstieg keinen Scheiss bauen würde. Mein provisorischer Stand war ich selbst, der sich kontinuierlich im übervorsichtigen Klettertempo von Hari Richtung Bolt mit Schlinge nach oben bewegte. Ein Eisgerät in den hüfttiefen Nassschnee gedrückt, das andere am Rand der Rinne ins Steilgras gesetzt und mit meinem Gurt verbunden, das Kletterseil immer unter starker Spannung. Selten hatte ich einen Bolt so überschwänglich gerne und schnell geklippt, der Puls von 180 halbierte sich innert Sekunden...
Seillänge 4-6 dann Genusskletterei, so wie wir uns die ganze Tour eigentlich vorgestellt hatten. Nunja, hinterher ist man immer schlauer, wenn man den Blödsinn denn überlebt. Zu erwähnen sei, dass ich in Seillänge 5 ein weiteres mal den lilafarbenen Cam im Kamin legen konnte, Seillänge 6 hingegen auf 60m keine Sicherung hat. Eine Köpfelschlinge kurz vor dem Ausstieg leistet noch gute Dienste, den Stand fand Hari allerdings nicht und lief zum Nachsichern über das Gipfelplateau nach hinten im Schnee.
Fazit: Corona Couloir, M4+, 70Grad. Simon Chatelan und Maxime Ecoffey, 08.03.2020
Topo Dry Tooling & Mixte, Suisse Ouest von Simon Chatelan
Vermutlich oft noch unterschätze Route, die ernsthafter ist, als es das Topo mit den gebolteten Ständen (zum Abseilen eingerichtet) vermuten lässt. Ohne Eis eine ganz andere Hausnummer. Ausserdem müssen die Grasmutten unbedingt gefroren sein. Wir erlebten einen Abenteuertag in den Voralpenbergen, der mehr Abenteuer beinhaltete, als uns eigentlich lieb war. Mein Fehler mit dem unauffindbaren Stand verschärfte die Situation übermässig. Seillänge 2 und 3 sind wirklich herb, wenn sie dry sind.
Die Absicherung durchschnittlich, den Schwierigkeitsgrad sollte man drauf haben, denn das Sturzgelände ist unfreundlich. Zusätzlich kann nicht viel gelegt werden (der 0.5er Cam war zweimal nützlich), Pecker sind deine Freunde der Wahl! Wenn es Eis hat, können drei kurze Eisschrauben exzellente Dienste leisten. 6x60m, Seilzug garantiert!
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